Was wir im Gespräch mit Dr. Wisniewski gelernt haben
- Sicherheit ist nicht die Abwesenheit von Risiko. Kinder müssen lernen, selbst mit Risiken umzugehen.
- Die meisten Kindersicherungs-Apps sind auf Kontrolle ausgelegt, nicht aufs Lernen. In einer Studie von 2017 mit 75 Apps dienten 89 % der Funktionen der elterlichen Kontrolle, nur 11 % halfen Jugendlichen, sich selbst zu regulieren. Ihre Arbeit von 2024 zeigt: Die Lücke ist geblieben.
- Die Panik rund um Smartphones ist übertrieben, und die Angst selbst kann Schaden anrichten.
- Altersgrenzen für Social Media gehen oft nach hinten los: Jugendliche weichen auf unsicherere Plattformen aus.
- Was hilft, ist die Familie gemeinsam gegen die Technik, nicht Eltern gegen Kinder.
Wer sich Sorgen macht, will genauer hinschauen. Nachrichten lesen. Standort prüfen. Eine App installieren, die mitschaut und Bericht erstattet. Für Eltern fühlt sich das nach Sicherheit an.
Ob das stimmt, erforscht Dr. Pamela Wisniewski seit fünfzehn Jahren. Sie stellt dabei die unbequemere Frage: Erreichen wir mit den Methoden, die wir für die besten halten, überhaupt das, was wir uns für unsere Kinder wünschen? Sie ist leitende Wissenschaftlerin am International Computer Science Institute, einer unabhängigen gemeinnützigen Forschungseinrichtung mit Anbindung an die UC Berkeley. Davor war sie fest angestellte Associate Professorin an der Vanderbilt University und der University of Central Florida. Und sie schaut nicht nur auf die Eltern. Sie befragt die Jugendlichen selbst, bezieht sie in die Entwicklung ein und sieht sich an, was sie online tatsächlich tun.
Wir haben ihr die Fragen gestellt, die den meisten Eltern im Kopf herumgehen. Mit einigen ihrer Antworten hatten wir nicht gerechnet.[1]
Ist dein Kind sicherer, wenn du es überwachst?
Allein davon nicht. Entscheidend ist für Dr. Wisniewski etwas anderes: dass das Kind mitzieht.
«Das Wichtigste, was wir von unseren Kindern brauchen, ist, dass sie dahinterstehen. Sie müssen Teil des Prozesses sein.»
Dr. Wisniewski
Denn Überwachung ohne Gegenseitigkeit beschädigt das Vertrauen, so ihr Argument. Ganz anders sähe ein Tool aus, das Jugendlichen ihre eigene Nutzung im Überblick zeigt und daneben die der Eltern, ohne je Inhalte zu lesen. Ein solches Tool stärkt die Bereitschaft, mitzuziehen, statt sie zu verspielen.
Womöglich stimmt ohnehin die Annahme nicht, von der die meisten Kindersicherungen ausgehen. Die wenigsten Kinder wollen etwas hinter unserem Rücken durchziehen. Sie ringen eher damit, sich die Zeit einzuteilen und online bewusst zu entscheiden. Kommt dir das bekannt vor? Kein Wunder: Damit ringen die meisten Erwachsenen auch.
Was machen die meisten Kindersicherungs-Apps falsch?
Sie richten sich danach, was ein Kind nicht darf, statt danach, was es gerade lernt.
«Viele der Kindersicherungs-Apps, die es heute gibt, setzen stark auf Überwachung und Einschränkung. Das heisst, sie konzentrieren sich darauf, was Jugendliche online nicht dürfen, und nicht darauf, was sie online dürfen.»
Dr. Wisniewski
Dafür hat sie Zahlen. 2017 untersuchte sie zusammen mit Kolleginnen und Kollegen 75 Kindersicherungs-Apps.[2] 89 % der Funktionen dienten der elterlichen Kontrolle, nur 11 % halfen Jugendlichen, sich selbst zu regulieren. Und ihre Arbeit von 2024, «It’s Still Complicated»,[3] zeigt: Geschlossen hat der Markt diese Lücke nicht.
Genau um diese 11 % geht es. Eine Sperre wirkt, solange sie eingeschaltet ist. Ein Kind, das gelernt hat, selbst zu entscheiden, ist etwas ganz anderes.
«Wenn wir diesen Übergang nie schaffen, bei dem Jugendliche mit der Unterstützung ihrer Eltern lernen, es selbst zu tun, dann erweisen wir unserer Jugend einen schlechten Dienst.»
Dr. Wisniewski
Verursachen Smartphones wirklich eine Krise der psychischen Gesundheit?
Vorsichtiger als die Schlagzeilen geht Dr. Wisniewski mit dieser Behauptung um. Der Zusammenhang zwischen Smartphones und der nachlassenden psychischen Gesundheit von Jugendlichen ist schwächer, als die Alarmstimmung vermuten lässt. Einige viel zitierte Zahlen sind zudem überzeichnet worden.
Forscherinnen wie Candice Odgers[4] und Amy Orben[5] haben gezeigt, dass der Zusammenhang schwach ist, wenn er überhaupt besteht. Was zählt, ist die einzelne Familie, das einzelne Kind. Aus einem globalen Durchschnitt lässt sich keines von beiden ablesen.
Den grösseren Schaden richtet aus ihrer Sicht die Panik selbst an.
«Wir neigen zu dieser moralischen Panik, zu diesem angstgetriebenen Narrativ rund um Sucht und Technologienutzung bei unseren Kindern, und das tut ihnen einfach wirklich nicht gut.»
Dr. Wisniewski
Angst erzeugt Schuld und Scham, sagt sie, aber keine Bewältigungsstrategien. Ein anderes Bild hält sie für hilfreicher.
«Technologie nicht wie eine Droge behandeln, sondern wie Essen... manche Lebensmittel sind ungesund für uns, und wir brauchen eine gesunde Ernährung.»
Dr. Wisniewski
Hier gehen die Meinungen auseinander. Jonathan Haidt argumentiert in The Anxious Generation[6] eher in die andere Richtung: aufschieben, strengere Grenzen, Social Media später. Wisniewski setzt in ihrer Forschung auf Selbstständigkeit und den Aufbau von Kompetenzen. Einig sind sich die beiden nicht, und es lohnt sich, diese Uneinigkeit auszuhalten, statt sie zu schnell aufzulösen. Für dein Zuhause und deine Familie kann beides seine Berechtigung haben.
Sollte Social Media erst ab 16 erlaubt sein?
Ein vorsichtiges Nein, sagt Dr. Wisniewski. Oder genauer: nicht mit einer Altersgrenze allein.
Bei Pornografie ist sie für eine Altersverifikation. Social Media liegt für sie anders: echte Risiken, ja, aber eben auch ein Ort, an dem Jugendliche in Kontakt bleiben und Halt finden. Ihr Forschungsteam hat beide Seiten untersucht. Das übliche Mindestalter von 13 ist grösstenteils ein juristisches Nebenprodukt. Der US-amerikanische Children’s Online Privacy Protection Act knüpft Regeln zur elterlichen Einwilligung an die personenbezogenen Daten jüngerer Kinder, und genau denen weichen viele Plattformen mit dieser Grenze aus. Mit Reife hat die Zahl nichts zu tun. Tiefer beunruhigt sie ohnehin etwas anderes: das Signal, das ein striktes Verbot aussendet.
«Wir müssen aufpassen, dass wir Jugendliche online nicht so behandeln, als hätten sie weniger Selbstbestimmung, weniger Verantwortung und weniger Fähigkeiten, sich selbst zu schützen.»
Dr. Wisniewski
Mit fünfzehn dürfen Jugendliche bei uns Roller fahren, mit siebzehn den Lernfahrausweis machen, mit achtzehn abstimmen und wählen. Online aber sagen wir ihnen, dass wir ihnen nicht trauen. Und das Verbot hält womöglich nicht einmal, was es verspricht.
«Nur weil wir Social Media mit einer Altersgrenze versehen, kommt am Ende nicht das heraus, was wir uns davon erhoffen. Statt auf die Plattformen zu gehen, die tatsächlich stärker überwacht werden, gehen die Jugendlichen auf Plattformen, die weniger sicher sind.»
Dr. Wisniewski
Viele Jugendliche wissen genau, wie sie Schutzmassnahmen mit einem VPN umgehen. Und eine Alterskontrolle auszutricksen, ist für ein technikaffines Kind eine Kleinigkeit. Das Ziel stimmt, die Belege für die Wirksamkeit bleiben dünn.
Wann ist ein Kind also bereit?
Nicht an einem Geburtstag, sagt Dr. Wisniewski. Reife an einem einzigen Alter festzumachen, das «Schalter-Modell», ist aus ihrer Sicht unser häufigster Fehler.
Sie hält es lieber mit einem «Gerüst-Ansatz»: kleine Kinder eng begleiten und anleiten, die Zügel Stück für Stück lockern, je grösser sie werden. Viel anders läuft es bei den übrigen Schritten im Aufwachsen auch nicht.
«Zuerst geben wir einem Kind ein Dreirad mit Stützrädern, und irgendwann nehmen wir die Stützräder ab, wenn wir sehen, dass es das Gleichgewicht halten kann. Dann fährt es Velo, und heute auch motorisierte Trottinette. Und irgendwann bekommt es Fahrstunden, und eines Tages fährt es Auto und macht sein eigenes Ding. Und genau dieses Modell brauchen wir für Social Media und den Umgang mit Technologie.»
Dr. Wisniewski
Lernt ein Kind mit neun nie, wie es mit einem gemeinen Kommentar im Gruppenchat umgeht, lernt es das mit zwölf in der Oberstufe auf die harte Tour. Eine Regel für alle gibt es ohnehin nicht. Für das eine Kind ist das Handy die Eintrittskarte ins Lager, für das andere, chronisch kranke, das Gerät, mit dem es seine Gesundheit im Blick behält: Dieselbe Entscheidung ist das nicht. Selbst ein Handyverbot an der Schule, sagt sie, braucht Raum für Ausnahmen.
Was, wenn das Problem nie die Kinder waren?
Perfekt gelingt Elternsein nie. Und darum geht es ihr auch gar nicht: Eltern für ihre Strategien zu verurteilen, liegt ihr fern.
«Es gibt die eher vernachlässigenden oder nachgiebigen Eltern, die es laissez-faire angehen. Es gibt die autoritativen Eltern, die hohe Ansprüche an ihre Kinder stellen, aber eben auch unterstützen, dass die Kinder nach Selbstständigkeit streben. Und dann gibt es die eher autoritären Eltern, die... dazu neigen, ein bisschen zu streng zu sein.»
Dr. Wisniewski
Welcher Typ sie sind, können die wenigsten von uns mit Sicherheit sagen. Und das schlechte Gewissen geht in beide Richtungen. Eltern kommen sich vor wie Versager, weil sie nicht alles mitbekommen. Dabei waren sie selbst einmal Kinder, die ohne ständige Aufsicht mit jeder Menge Risiko zurechtkamen und trotzdem heil erwachsen geworden sind. Kinder wiederum fühlen sich schlecht, weil sie im Feed hängen bleiben. Und wenn das Kind am Tisch aufschaut und sagt: «Du bist ja auch am Handy», dann hat es nicht unrecht.
Es hilft also, gar nicht erst ein Kräftemessen daraus zu machen.
«Wenn wir es gemeinsam angehen, geht es weniger um Eltern gegen Jugendliche und mehr um die Familie gegen all die Ansprüche an unsere Aufmerksamkeit und unsere Zeit.»
Dr. Wisniewski
Das Bild von Eltern gegen Kinder, merkt sie an, verkaufen uns die Plattformen nur zu gern. So liegt die Verantwortung nicht mehr bei ihrem eigenen Design, sondern bei der Frage, ob du genau genug hingeschaut hast.
Was heisst Sicherheit also wirklich?
Sicherheit ist in ihrem Verständnis nicht die Abwesenheit von Risiko. Sicherheit heisst, Jugendlichen beizubringen, mit Risiko umzugehen, damit sie sinnvoll an der Welt teilhaben können. Auf diesen Gedanken kommt sie im Gespräch immer wieder zurück.
«Sicherheit ist nicht die Abwesenheit von Risiko. Sicherheit heisst, Jugendlichen beibringen zu können, wie sie mit unterschiedlichen Risikostufen umgehen, damit sie sinnvoll an der Welt teilhaben können, und ihnen Mittel an die Hand zu geben, mit denen sie sich selbst schützen.»
Dr. Wisniewski
Eine Kindergärtnerin hat ihr eine Geschichte erzählt: Kinder kommen in den Kindergarten, hangeln sich am Klettergerüst entlang, lassen los und brechen sich beide Fussgelenke, weil sie nie erfahren durften, wie sich Fallen anfühlt. Wer ein Kind vor jedem Risiko schützt, macht es nicht sicher. Sondern zerbrechlich.
«Unseren Kindern beizubringen, wie man gut fällt, und ihnen wieder aufzuhelfen: Das sind die zentralen Erziehungsprinzipien, die wir weitertragen wollen, denn wir können nicht in einer Gesellschaft leben, in der wir unsere Kinder in Luftpolsterfolie packen.»
Dr. Wisniewski
Das Wichtigste zum Mitnehmen
Wir haben sie nach der einen Erkenntnis gefragt.
«Wir müssen aufhören, Jugendliche online wie Opfer zu behandeln, und erkennen, dass unsere Jugend kreativ ist und widerstandsfähig und klug.»
Dr. Wisniewski
Hör deinen Kindern zu und lerne von ihnen. Frag aus echter Neugier, statt die Erwartungen einer Generation durchzusetzen, die nicht mit der heutigen Technik aufgewachsen ist. Das heisst nicht, den Kindern die Zügel zu überlassen. Es heisst, mit Liebe und Respekt voranzugehen und die Sache gemeinsam anzupacken, statt einen Generationenkampf daraus zu machen.
Was das für Allowed Online heisst
Diese Forschung steht hinter unserem Denken und hinter dem, was wir bauen.
Ein Kind schützen heisst für uns nicht, es zu überwachen. Allowed Online arbeitet auf Netzwerkebene und blockiert schädliche Inhalte, bevor sie geladen sind. Nachrichten liest es nicht, den Standort verfolgt es nicht. Eltern setzen die Leitplanken, sehen aber nicht, was gesagt, gesucht oder geschrieben wurde. Und die Leitplanken sind so angelegt, dass sie die Entscheidung mit der Zeit an das Kind zurückgeben, das seine eigenen Daten selbst einsehen kann. So sieht ein Produkt aus, das auf Wisniewskis 11 % hinarbeitet.
Kein einzelnes Tool löst das, unseres auch nicht. Allowed Online ist notwendig, aber nicht hinreichend. Die Gespräche, die eine Familie im Umgang mit Technik führt, erledigen den Teil, den keine Software übernehmen kann. Gute Tools schaffen dafür nur den Raum.
Du willst wissen, wo deine Familie heute steht? Unser kostenloses 2-Minuten-Quiz zeigt dir deinen Screen-Time-Erziehungsstil. Keine Punktzahl. Keine Note. Die Entscheidung bleibt bei dir.
Hol dir den nächsten wissenschaftlich fundierten Ratgeber direkt in dein Postfach.
Quellen
[1] Interview mit Dr. Pamela Wisniewski, aufgezeichnet für Allowed Online (2026). Dr. Wisniewski hat dafür ein Honorar erhalten; ihre Ansichten und die zitierte Forschung sind ihre eigenen. Das ganze Interview ansehen.
[2] Wisniewski, P., Ghosh, A. K., Xu, H., Rosson, M. B. & Carroll, J. M. (2017). Parental Control vs. Teen Self-Regulation: Is There a Middle Ground for Mobile Online Safety? Proceedings of CSCW ‘17, 51-69.
[3] Park, J. K., Akter, M., Wisniewski, P. & Badillo-Urquiola, K. (2024). It’s Still Complicated: From Privacy-Invasive Parental Control to Teen-Centric Solutions for Digital Resilience. IEEE Security & Privacy, 22(5), 52-62.
[4] Odgers, C. L. (2024). The great rewiring: is social media really behind an epidemic of teenage mental illness? Nature, 628, 29-30.
[5] Orben, A. & Przybylski, A. K. (2019). The association between adolescent well-being and digital technology use. Nature Human Behaviour, 3, 173-182.
[6] Haidt, J. (2024). The Anxious Generation. Penguin Press.